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  • AutorenbildChris Hettenkofer

Vorderer Kreuzband Riss - ohne Operation behandeln, ist das möglich?


„Jedes Naturgesetz, das sich dem Beobachter offenbart, lässt auf ein höheres, noch unbekanntes schließen“ - Alexander von Humboldt



Einleitung

Alles im Körper heilt innerhalb von drei bis sechs Monaten. Wieso ausgerechnet das vordere Kreuzband (VKB) nicht? Aus diesem Grund entstand meine Abschlussarbeit, da das Unverständnis, wieso ausgerechnet das VKB als einziges Band im menschlichen Körper nicht heilen sollte und die offensichtliche Selbstheilungskraft des Körpers, konträr zueinander stehen. Ziel meiner Arbeit war es, die aktuelle Studienlage zum Thema Spontanheilung des VKB nach konservativer Behandlung zu analysieren, um erstens eine Aussage darüber treffen zu können, ob ein ruptiertes VKB überhaupt wieder seine kontinuierliche Faserqualität erlangen kann. Und zweitens, wie eine konservative Therapie aussehen könnte, die eine natürliche Heilung fördert.


Hintergrund

Mehr als 80000 Deutsche und weltweit mehr als eine Million Menschen verletzten sich jährlich das Kreuzband (Smith et al., 2014). Nach allgemeinen Konsens heilt das VKB nicht von alleine, was die logische Konsequenz einer Operation darstellt. Aber man muss nicht lange recherchieren, bis man Beweise für das Gegenteil findet. Mehrere Fallberichte, Cohortenstudien und erste RCT berichten unabhängig voneinander von einer Regenerationsfähigkeit des VKB nach verschiedensten Interventionen (Fujimoto et al. 2002; Ihara et al. 1996; Weiler et al., 2015; Ofner et al. 2017).


Die Ergebnisse von Operation und konservativer Therapie im Vergleich

Zu allererst ist wichtig zu betonen, dass die Operation im Vergleich zur konservativen Behandlung nach einem Riss des VKB keine Vorteile mit sich bringt, hinsichtlich:


1. Der Funktionsfähigkeit des Knies (Kraft, Beweglichkeit, Schmerz, Hinken, Instabilität etc.)

2. Der Rückkehr zu Alltagsaktivitäten (Gehen, Laufen, Treppensteigen etc.) oder zum Sport

3. Der späteren Entwicklung von degenerativen Erkrankungen wie Arthrose


Die Kurz- (1-2 Jahre) wie Langzeitergebnisse (5-20 Jahre) operativ oder konservativ versorgter Patienten nach VKB-Ruptur bezüglich dieser entscheidenden Parameter unterscheiden sich dabei kaum bzw. nicht signifikant (Meunier et al., 2006; Streich et al., 2011; Frobell et al., 2013; Ardern et al. 2014).


Ergebnisse des Literaturüberblicks

In meinem Literaturüberblick wurde alles verfügbare Material zum Thema „Spontanheilung des VKB nach vollständiger Ruptur“ eingeschlossen. Das bedeutete, dass 15 Studien mit insgesamt 759 vollständig ruptierten VKB begutachtet wurden. Die strukturelle Heilung des VKB, belegt mit MRT-Untersuchungen, trat bei insgesamt 248 der 759 vollständig gerissenen VKB ein. Letztlich zeigten 14 der 15 eingeschlossenen Studien ein deutliches Heilungspotential des VKB. Lediglich in einem Fallbericht blieb die Spontanheilung des VKB aus (Weiler et al., 2015). Die Forschungsfrage kann somit klar und deutlich beantwortet werden: Das VKB kann aus eigener Kraft heilen. Demzufolge drängt sich die zweite Frage auf, welche Behandlungsansätze und Therapieformen wurden verwendet, um eine Heilung zu stimulieren?


Heilungsfördernde Komponenten

Kurz und knapp zeigten im Detail folgende Parameter einen positiven Einfluss auf den Rehabilitationsverlauf.


1. Progressive, aber sofortige Kniemobilisierung

2. Progressive und frühe Gewichtsbelastung

3. Kraft - und neuromuskuläres Training

4. Manualtherapie mit einem stark myofaszialen Ansatz


Die Punkte eins bis drei spiegeln die komplette Umkehr des bisherigen Grundgedankens. In der operativen Medizin steht die Struktur - die Reparatur des Kreuzbandes - im Mittelpunkt. Wenn das Kreuzband wiederhergestellt ist, wird die Funktion - Gehen, Laufen, Stehen - wieder automatisch folgen. Demgegenüber stellen die oben genannten Interventionen die Funktion in den Fokus. Sie entsprechen dem Naturgesetz „form follows function“ - die Form folgt der Funktion. Wird das Knie (die Form bzw. die Struktur) wieder entsprechend seiner Funktionen (Gehen, Stehen, Drehen, Laufen, Hüpfen, Tanzen...) benutzt, so findet Reparatur, Wachstum und Reifung mit der Zeit statt - das Kreuzband bildet keine Ausnahme und kann wieder zusammenwachsen. Kurz gesagt stehen diese Unternehmungen, der von ärztlicher Seite initial häufig verschriebenen Ruhigstellung und Bettruhe gegenüber. Mobilisation, Bewegung und Training werden zu den entscheidenden Heilungsfaktoren. Punkt vier ist im wissenschaftlichen Kontext mit Vorsicht zu genießen. Hinweise, dass manualtherapeutische Behandlungen einen entscheidenden Einfluss im Heilungsverlauf des VKB haben, gibt es immer wieder. Das bekannteste und am besten studierte Beispiel ist Mohamed Khalifa, ein Manualtherapeut aus Hallein (Österreich). Er arbeitete über 40 Jahren mit einer selbst entwickelten manuellen Technik zur Behandlung von Verletzungen des Bewegungsapparates, insbesondere des Knies. Einen Einblick in die Therapie und Forschungsbemühungen gibt ein kurzes Video auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=_l3-8iUVpoc. Die Ergebnisse der weiterführenden Studien sind noch beeindruckender. Er ist mittlerweile im Ruhestand und hat leider niemanden ausgebildet, doch bei genauer Recherche findet man Therapeuten, die sich Khalifa als Beispiel und Inspiration nahmen und scheinbar ähnliche Erfolge erzielen. Ein stark myofaszialer Fokus, mit den Parametern Druck und Dauer, scheint von Bedeutung zu sein.


Fazit

Diese Studie bietet einen neuartigen Einblick in eine Entität, die zuvor für unmöglich gehalten wurde. Auch wenn die Evidenzbasis freilich nicht ausreicht, um allgemein gültige Behandlungsrichtlinien zu formulieren, kann zumindest empfohlen werden, dass Patienten nach einem Kreuzbandriss nicht-operative Eingriffe bevorzugen sollten, bevor ein chirurgischer Eingriff in Betracht gezogen wird (Smith et al., 2014). Diese konservative Phase mit trainingswissenschaftlicher und manualtherapeutischer Unterstützung kann genutzt werden, um die Selbstheilung zu aktivieren. Darüber hinaus kann diese Arbeit einen Mehrwert bieten, indem sie als Ausgangspunkt dient, Debatten zu führen, Einstellungen und Meinungen heraus zu fordern und vor allem neue Therapiemöglichkeiten vorzuschlagen.


Ausblick

Vor geraumer Zeit hat man noch gerissene Außenbänder im Sprunggelenk operiert und Meniskus Verletzungen galten als nicht regenerationsfähig. Wenn das für unheilbar erklärte VKB heilen kann, was kann dann noch alles - mit intelligenter Unterstützung - heilen?


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Du hast eine schwere Verletzung und überlegst, ohne OP vorzugehen?

Meine Arbeit bringt die wissenschaftliche Bestätigung, was ein paar wenige wissbegierige Manualtherapeuten längst wissen. Alles im Körper, sogar das VKB, kann mit der richtigen Therapie, ohne Operation, heilen. Auf diesem Weg möchte ich Dich unterstützen. Mit Anwendungen aus der Psychologie, Ernährungsmedizin, Akutmedizin und Trainingslehre vervollständigten wir den Rehabilitationsprozess. Jeder Mensch muss mit seiner Verletzung und seinen persönlichen Umständen individuell betrachtet werden. Ob Du ohne Operation vorgehen kannst, muss im Einzelfall entschieden werden. Du hast einen Riss des VKB, einen Meniscus Einriss, eine Verletzung der Supraspinatus oder Bicepssehne? In einem persönlichen Gespräch klären wir Deine Fragen und ob eine gemeinsame Vorgehensweise für Dich Sinn macht.




81 Ansichten1 Kommentar

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1 Comment


Guest
Jan 23

Sehr spannende und leicht verständliche Darstellung eines komplexen Themas mit guter wissenschaftlicher Analyse und Interpretation. Gibt einen guten Überblick zur VKB-Ruptur und dessen konservativen Behandlungsalternativen. Danke für diesen sehr aufschlussreichen Artikel.

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